Minanbé: Die Maya-Stadt, zu der „kein Weg führt” – unberührt im Dschungel von Campeche entdeckt

„Alle Wege führen nach Rom“, sagt ein altes Sprichwort – nach Minanbé führte dagegen ganz offensichtlich keiner.

Tief im Dschungel von Campeche wurde ein bisher unbekanntes Maya-Zentrum dokumentiert, das auf keiner archäologischen Karte verzeichnet war. Sein Name klingt fast wie ein Kommentar zur eigenen Wiederentdeckung: Minanbé – auf yukatekischem Maya etwa „es gibt keinen Weg“ (aus mina’an, „es gibt nicht“, und bej, „Weg“). Genau das war auch das Problem der Archäologen: Es gab keine Zufahrt, keine alten Pfade der Chicle-Sammler, also der Sammler des Kaugummibaum-Harzes, keine Holzfällerschneisen, keinen Durchgang durch den Wald. Wer dorthin wollte, musste sich den Weg erst selbst schaffen.

Lush jungle path in dappled sunlight - A path in the jungle in the Maya lowlands
Lush jungle path in dappled sunlight – A path in the jungle in the Maya lowlands

Minanbé liegt im zentralen Maya-Tiefland, nördlich der Calakmul-Biosphärenreserve beziehungsweise in deren nördlichem Umfeld, nördlich der Bundesstraße 186 zwischen Escárcega und Chetumal und westlich des Gebietes von Chactún. Diese Region im Süden der mexikanischen Halbinsel Yucatán war lange nur teilweise bekannt. Zwar wusste man, dass hier einst zahlreiche Maya-Siedlungen lagen, doch große Bereiche blieben wegen des dichten Waldes und der schwierigen Erreichbarkeit archäologisch kaum untersucht. Minanbé zeigt, dass diese „weißen Flecken“ auf der Karte noch immer Überraschungen bereithalten.

Eine Entdeckung aus der Luft – und dann zu Fuß

Der Fund begann nicht mit einer Expedition, die zufällig auf Ruinen stieß. Zunächst wurden ausgewählte Waldgebiete mit luftgestütztem Laserscanning untersucht. Diese Methode ist unter dem Namen LiDAR bekannt. Dabei tastet ein Flugzeug das Gelände mit Laserimpulsen ab; anschließend lässt sich die Vegetation digital herausrechnen. Was übrig bleibt, ist ein Geländemodell, in dem künstliche Erhebungen sichtbar werden: Plattformen, Pyramiden, Wege, Terrassen oder Wasseranlagen.

Auf den LiDAR-Daten zeichnete sich eine archäologisch vielversprechende Zone ab. Sie liegt westlich von Chactún, einem größeren Zentrum, das dasselbe Forschungsprojekt bereits rund 13 Jahre zuvor dokumentiert hatte. Die Auswertung der Daten war allerdings nur der erste Schritt. Danach musste das Team tatsächlich in den Wald.

Und genau dort wurde der Name Minanbé zur Realität. Das Team schlug zunächst auf etwa fünf Kilometern eine Schneise für Quads durch den Wald. Danach musste es noch eine ähnliche Strecke zu Fuß zurücklegen, ehe es den monumentalen Kern der Stätte erreichte.

Der bislang dokumentierte Kern umfasst etwa 15 Hektar – etwa 20 Fußballfelder. Das ist keine Stadt von der Größe Calakmuls, aber deutlich mehr als ein einfacher Weiler. Minanbé besitzt monumentale Architektur, Stelen, Altäre, einen Sakbe – spanisch und englisch oft sacbe oder sacbé geschrieben –, also einen erhöhten, gepflasterten Maya-Weg, und Hinweise auf eine organisierte Bau- und Ritualplanung. Der Kern gliedert sich in Plätze, die von Palast- und Sakralbauten umgeben sind, sowie in Terrassen und Feuchtgebiete mit angelegten Wasserkanälen.

Video: Minanbé im offiziellen INAH-Beitrag auf Spanisch

Das folgende Video des INAH zeigt die neu dokumentierte Stätte Minanbé im Dschungel von Campeche. Zu sehen sind Aufnahmen des Geländes, der Architektur und der Monumente. Außerdem kommen Ivan Šprajc und weitere beteiligte Archäologen zu Wort.

Warum Minanbé ungewöhnlich ist

Neue Maya-Fundorte werden heute häufiger gemeldet als noch vor einigen Jahrzehnten. LiDAR hat die Archäologie der Maya-Welt verändert. Ganze Landschaften, die unter Wald verborgen waren, lassen sich nun als dichte, bewohnte und gestaltete Kulturräume erkennen.

Minanbé ist trotzdem besonders.

Nach Aussage des INAH-Teams handelt es sich um die erste Stätte, die die Forscher in den letzten drei Jahren wirklich intakt vorfanden. Es gab keine sichtbaren Spuren von Raubgrabungen: keine Plünderungsschächte, keine aufgebrochenen Gräber, keine offensichtlich durch moderne Eingriffe zerstörten Strukturen.

Für die Archäologie ist das entscheidend. Eine geplünderte Stätte verliert nicht nur Objekte. Sie verliert Zusammenhänge. Wo ein Altar stand, wie eine Stele zu einer Pyramide ausgerichtet war, welche Monumente gemeinsam ein Ensemble bildeten – all das kann durch Raubgrabungen zerstört werden. In Minanbé scheinen viele dieser Beziehungen noch lesbar zu sein.

Der eigentliche Wert des Fundes liegt daher nicht in spektakulären „Schätzen“, sondern in der Erhaltung des Ortes als Zusammenhang.

Ein Tempel im Río-Bec-Stil

Zu den auffälligsten Gebäuden gehört ein Tempel auf einer Pyramide, die über 13 Meter hoch ist – eine der höchsten Strukturen der Stätte. Sein Mauerwerk ist ungewöhnlich fein gearbeitet. Die Archäologen verweisen auf sauber behauene Steinblöcke und glatte Wandpaneele an der Fassade, eine steile Treppe und Gesimse im oberen Bereich. Vitan Vujanović, der den Bau beschrieb, betont, dass er hier erstmals einen einigermaßen gut erhaltenen Tempel – und eine Stele mit noch lesbaren Glyphen – dokumentieren konnte.

Der Río-Bec-Stil ist eine regionale Architekturform im südlichen Campeche und den angrenzenden Gebieten. Viele Bauten dieser Tradition wirken auf den ersten Blick wie funktionale Tempelpyramiden, enthalten aber stark dekorative Elemente. Besonders bekannt sind hohe, steile Türme und Treppen, die manchmal eher symbolisch als praktisch nutzbar waren – bis hin zu reinen Scheintürmen und Scheintreppen.

Für Laien lässt sich das so sagen: Río-Bec-Architektur war nicht nur Bauen, sondern Inszenierung. Sie sollte Eindruck machen. Sie spielte mit Höhe, Symmetrie, Fassaden und der Vorstellung von heiliger Macht.

Dass Minanbé solche Merkmale zeigt, ordnet die Stätte klar in die kulturelle Landschaft des südlichen Campeche ein. Sie war kein isolierter Außenposten, sondern Teil einer regionalen Maya-Welt mit eigenen Bauformen, politischen Beziehungen und religiösen Traditionen.

Die Stele mit der Enthauptungsszene

Unter den dokumentierten Monumenten sticht besonders Stela 1 hervor – zugleich das erste Monument, das dem Team überhaupt auffiel. Sie trägt die Darstellung einer Enthauptung.

Zu sehen ist offenbar eine hochrangige Figur – möglicherweise ein Herrscher oder Krieger – mit einer Art Messer oder Axt. Die Szene zeigt vermutlich die Tötung eines Gefangenen. Ganz sicher lässt sich das bisher nicht sagen, denn die Glyphen sind stark erodiert. Doch die Bildsprache ist deutlich genug, um sie als Gewaltszene zu verstehen.

Solche Darstellungen können für moderne Betrachter verstörend wirken. In der Welt der klassischen Maya gehörten sie jedoch zur politischen und rituellen Bildsprache. Herrscher präsentierten sich als Sieger über Feinde, als Vermittler zwischen Menschen und Göttern und als Garanten der kosmischen Ordnung. Krieg, Gefangennahme, Opfer und Kalender waren dabei eng miteinander verbunden.

Besonders wichtig ist ein kalendarisches Zeichen im oberen Bereich der Stele: 5 Ajaw. Daraus rekonstruierte der Epigraphiker des Projekts ein Datum: 849 n. Chr. Das legt nahe, dass zumindest ein Teil der Monumente in dieser Zeit des Terminalklassikums, also der Übergangsphase am Ende der klassischen Maya-Zeit, errichtet wurde – kurz vor dem Verlassen vieler Orte der Region im 10. Jahrhundert.

Dieses Jahr liegt in einer äußerst spannenden Phase der Maya-Geschichte. Um 849 n. Chr. befanden sich viele klassische Maya-Königtümer bereits in einer Zeit politischer Spannungen. In einigen Regionen wurden noch Monumente errichtet, in anderen nahm die Bautätigkeit ab. Manche Städte verloren an Bedeutung, andere wurden verlassen oder wandelten sich grundlegend.

Minanbé führt also genau in jene Übergangszeit, die früher oft vereinfachend als „Kollaps der Maya“ bezeichnet wurde. Heute sieht man diese Phase differenzierter: nicht als plötzliches Ende, sondern als lange, regional sehr unterschiedliche Umbruchzeit.

Vierzehn Monumente in einer Reihe

Insgesamt registrierte das Team 14 Stelen und Altäre, mehrere davon mit Reliefs oder Glyphen. Sie standen beziehungsweise lagen am südlichen Ende eines Sakbe, der den zentralen mit dem nordöstlichen Sektor verbindet. Diese auffällige Anordnung macht das Ensemble noch spannender als eine einzelne Stele.

Um ihre Positionen genau zu dokumentieren, führte das Team eine fotogrammetrische Aufnahme durch. Aus rund 500 Einzelfotos entstanden dreidimensionale Modelle jedes Monuments. So lässt sich später besser untersuchen, ob die Steine ursprünglich in einer Linie standen, ob sie versetzt wurden oder ob sie in mehreren Phasen aufgestellt wurden.

Für die Maya waren Stelen und Altäre keine Dekoration. Sie waren öffentliche Medien. Auf ihnen verbanden Herrscher Bilder, Daten, Namen, Rituale und politische Botschaften. Besonders wichtig waren dabei die Katun-Zyklen. Ein Katun umfasst ungefähr 20 Jahre. Wenn ein solcher Zeitabschnitt endete, war das ein Anlass für Zeremonien und Monumentsetzungen.

Man könnte sagen: Maya-Herrscher regierten nicht nur über Menschen und Orte. Sie inszenierten ihre Macht auch über die Zeit.

Wenn ein König ein Katun-Ende mit einer Stele markierte, stellte er sich selbst in eine größere Ordnung. Er zeigte: Meine Herrschaft steht im Einklang mit dem Kalender, mit den Ahnen und mit dem Kosmos.

Zerbrochene Steine, veränderte Bedeutung

Die Monumente von Minanbé erzählen aber nicht nur von offizieller Macht. Viele befinden sich nicht mehr in ihrer ursprünglichen Position: Einige sind zerbrochen, andere umgestürzt oder offenbar neu aufgestellt. Neben runden Altären fand sich auch ein rechteckiger. Nach Einschätzung des Epigraphikers Octavio Esparza wurden mehrere dieser Monumente absichtlich verändert.

Ein Beispiel ist Monument 6: ein zerbrochener Stein, der an den Seiten hieroglyphische Kartuschen trägt und auf der Vorderseite einen Herrscher mit Federkopfschmuck, verziertem Brustschmuck, Armreifen und Halsketten zeigt. Einer dieser Texte enthält offenbar den Teil eines Datums der Langen Zählung, das vermutlich in das späte 7. Jahrhundert weist. Damit könnte Monument 6 das bislang älteste bekannte datierbare Monument der Stätte sein – deutlich älter als die Enthauptungsszene der Stela 1.

Solche Eingriffe können vieles bedeuten. Sie können Ausdruck von Respekt sein, aber auch von Distanz. Sie können Wiederverwendung anzeigen, aber auch bewusste Umdeutung. Wenn ein Monument zerbrochen und neu platziert wird, ist das selten bedeutungslos.

Im Fall von Minanbé sprechen die Forscher sogar die Möglichkeit sozialer oder politischer Spannungen an. Vielleicht richtete sich die Behandlung der alten Monumente gegen eine frühere Herrscherschicht. Vielleicht wurden alte Symbole entmachtet. Möglicherweise versuchten spätere Gruppen, den Ort neu für sich zu beanspruchen.

Sicher ist das noch nicht. Eine ausführliche wissenschaftliche Publikation steht aus. Doch gerade diese Unsicherheit macht Minanbé interessant. Die Stätte zeigt nicht nur einen Moment der Macht, sondern möglicherweise auch den späteren Umgang mit dieser Macht.

Blütezeit zwischen 600 und 900 n. Chr.

Nach den bisher vorliegenden Hinweisen – Architektur, Keramik und Inschriften – hatte Minanbé seine Blütezeit im Spätklassikum, ungefähr zwischen 600 und 900 n. Chr. Nach Einschätzung des Forschungsprojekts bildeten die zentralen Maya-Tiefländer in dieser Zeit eine dicht besiedelte archäologische Landschaft, die Lebensraum für geschätzt 9 bis 11 Millionen Menschen war.

Das war eine der dynamischsten Phasen der Maya-Geschichte. In vielen Regionen entstanden große Bauprogramme, Herrscherhöfe, Stelenzyklen, Handelsnetzwerke und politische Bündnisse. Zugleich nahm der Druck auf viele Königreiche zu. Kriege, Ressourcenprobleme, dynastische Konflikte und klimatische Veränderungen spielten vermutlich regional unterschiedliche Rollen.

Minanbé liegt damit zeitlich genau an einer Schwelle. Die Stätte gehört noch zur Welt der klassischen Maya-Könige, doch einige Hinweise deuten bereits auf spätere Umbrüche. Das Datum 849 n. Chr. ist deshalb mehr als eine Zahl. Es ist ein Fenster in eine Zeit, in der die alte Ordnung noch sichtbar war, aber möglicherweise schon zu bröckeln begann.

Ivan Šprajc und die Erforschung der verborgenen Maya-Landschaften

Mit Minanbé ist vor allem ein Name verbunden: Ivan Šprajc. Der slowenische Archäologe und Archäoastronom vom Forschungszentrum der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste (ZRC SAZU) arbeitet seit rund drei Jahrzehnten in schwer zugänglichen Regionen der zentralen Maya-Tiefländer. Mit dieser Stätte krönt er ein Projekt, das er der systematischen Erkundung genau jener Gebiete gewidmet hat, die lange als nahezu unerreichbar galten.

Šprajc ist kein Schatzsucher und kein Abenteurer im populären Sinn. Seine Arbeit verbindet Fernerkundung, Geländebegehung, Kartierung und klassische archäologische Dokumentation. Genau diese Kombination ist in der heutigen Maya-Forschung besonders wirkungsvoll. LiDAR zeigt mögliche Strukturen. Die eigentliche archäologische Arbeit beginnt aber erst danach: im Gelände, mit Vermessung, Beschreibung, Fotografie, Zeichnung, Keramikbeobachtung und Inschriftenanalyse.

Šprajc war bereits an der Erforschung und Dokumentation mehrerer wichtiger Fundorte in Campeche beteiligt, darunter Chactún, Tamchén, Lagunita und Ocomtún. Minanbé reiht sich in diese Arbeit ein. Der Fund ist also kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer langfristigen Erforschung der zentralen Maya-Tiefländer.

Diese Kontinuität ist wichtig. Sie zeigt, dass die Karte der Maya-Welt nicht durch einzelne Sensationen neu geschrieben wird, sondern durch geduldige, systematische Arbeit.

Die Archäologen vor Ort

Neben Ivan Šprajc waren weitere Fachleute direkt an der Untersuchung beteiligt. In den INAH-Materialien werden unter anderem Atasta Flores Esquivel, Israel Chato López, Quintín Hernández Gómez und Vitan Vujanović genannt.

Ihre Arbeit ist für die Bewertung von Minanbé entscheidend. Denn eine LiDAR-Struktur auf einem Bildschirm ist noch keine archäologische Interpretation. Erst vor Ort lässt sich erkennen, ob es sich um eine natürliche Erhebung, eine Plattform, einen Tempel oder einen zerstörten Bau handelt. Erst dort sieht man Mauerwerk, Keramik, Reliefreste, Bruchkanten, alte Wege und räumliche Zusammenhänge.

Vitan Vujanović wird im Zusammenhang mit der Beschreibung des erhaltenen Tempels und seiner Río-Bec-Merkmale genannt. Diese architektonische Einordnung hilft, Minanbé kulturell und regional zu verstehen.

Quintín Hernández Gómez spielte bei der Dokumentation der Monumente eine wichtige Rolle. Die fotogrammetrische Aufnahme der Stelen und Altäre ist mehr als eine technische Maßnahme. Sie schafft die Grundlage, um die Anordnung später genau zu analysieren und mögliche Veränderungen der Monumente nachzuvollziehen.

Auch lokale Arbeiter aus der Gemeinde Constitución waren beteiligt. Sie öffneten mit der Machete die kilometerlange Schneise, über die das Team überhaupt erst vordringen konnte. Ohne solche Unterstützung wären Expeditionen in schwer zugänglichen Waldgebieten kaum möglich. Wege müssen geöffnet, Ausrüstung transportiert und Lagerbedingungen geschaffen werden. Archäologie im Dschungel ist Teamarbeit – und ein erheblicher Teil davon findet statt, bevor überhaupt ein Monument beschrieben werden kann.

Octavio Esparza Olguín und die Lesung der Glyphen

Eine besondere Rolle kommt dem Epigraphiker Octavio Esparza Olguín zu. Epigraphiker beschäftigen sich mit Inschriften. In der Maya-Forschung bedeutet das, stark verwitterte Glyphen zu entziffern, Kalenderdaten zu rekonstruieren und Namen, Titel oder historische Ereignisse zu identifizieren.

Bei Minanbé ist diese Arbeit besonders schwierig, weil viele Glyphen stark erodiert sind. Esparza wertete die dreidimensionalen Modelle mit moderner Bildbearbeitung aus. Trotz der Erosion konnte er aus dem kalendarischen Zeichen 5 Ajaw ein Datum um 849 n. Chr. erschließen.

Das zeigt, wie wichtig Epigraphik für die Maya-Archäologie ist. Eine Stele ist zunächst ein Stein mit Bildern und Zeichen. Erst durch die Lesung der Glyphen wird sie zu einem historischen Dokument. Ohne diese Arbeit wüssten wir deutlich weniger über die Zeitstellung, die politischen Botschaften und die mögliche Bedeutung der Monumente.

Was Minanbé über die Maya-Welt erzählt

Minanbé verändert nicht mit einem Schlag unser gesamtes Bild der Maya. Solche Formulierungen sind meistens übertrieben. Aber die Stätte fügt einem immer klarer werdenden Bild ein wichtiges Puzzleteil hinzu.

Die klassischen Maya-Tiefländer waren dichter besiedelt, stärker vernetzt und landschaftlich intensiver genutzt, als man früher oft annahm. Wälder, die heute unberührt wirken, können ehemalige Kulturlandschaften verbergen. Unter dem Blätterdach liegen Wege, Terrassen, Plätze, Wasseranlagen und Monumente.

Minanbé zeigt außerdem, wie komplex die späte klassische Zeit war. Dort wurden um 849 n. Chr. offenbar noch Monumente gesetzt oder erneuert. Gleichzeitig gibt es Hinweise auf spätere Veränderungen, Umdeutungen oder Brüche. Das passt zu einem Bild, in dem der sogenannte Kollaps nicht als plötzlicher Zusammenbruch verstanden wird, sondern als lange Phase regionaler Neuordnungen.

Die Maya verschwanden nicht. Ihre politischen Systeme wandelten sich. Manche Städte wurden verlassen, andere weitergenutzt, einige Monumente verehrt, andere beschädigt oder neu interpretiert.

Minanbé könnte genau an dieser Schnittstelle liegen.

Was noch offen bleibt

Viele Fragen sind noch unbeantwortet. Wie hieß Minanbé in der klassischen Zeit? War es ein eigenständiges Zentrum oder politisch von einem größeren Nachbarn abhängig? Welche Beziehung bestand zu Chactún oder zu anderen Städten der Region? Wer ist die Figur auf der Enthauptungsstele? Wer war der Gefangene? Und wer veränderte später die Monumente?

Auch die Datierung und Interpretation der Monumente wird erst durch weitere Untersuchungen sicherer werden. Bisher kennen wir Minanbé vor allem aus INAH-Materialien, Videoaussagen und ersten Presseberichten. Eine ausführliche wissenschaftliche Publikation ist noch nicht erschienen.

Gerade deshalb sollte man den Fund nicht künstlich größer machen, als er derzeit belegt ist. Minanbé ist kein bewiesenes neues Großreich und keine „Maya-Metropole“, die plötzlich aus dem Nichts auftauchte. Es ist ein neu dokumentiertes, offenbar unberaubtes Maya-Zentrum mit monumentaler Architektur, Río-Bec-Merkmalen und bemerkenswerten Stelen.

Das reicht vollkommen, um archäologisch spannend zu sein.

Fazit: Ein Ort zwischen Macht und Umbruch

Minanbé heißt „es gibt keinen Weg“. Dieser Name beschreibt nicht nur die Mühe der Wiederentdeckung. Er passt auch symbolisch zu dem, was die Stätte für die Forschung bedeutet.

Sie liegt in einer Region, die lange schwer zugänglich war. Sie bewahrt Monumente einer späten Herrscherwelt. Sie zeigt eine Gewaltszene mit einem Datum um 849 n. Chr. Und sie enthält Hinweise darauf, dass spätere Menschen mit diesen Monumenten anders umgingen, als ihre ursprünglichen Auftraggeber es beabsichtigt hatten.

Minanbé ist deshalb mehr als eine weitere „verlorene Stadt“ im Dschungel. Es ist ein Ort, an dem sich Fragen nach Macht, Erinnerung, Gewalt und Wandel verdichten.

Die alten Maya-Herrscher meißelten ihre Ordnung in Stein. In Minanbé liegen diese Steine noch immer im Wald – manche aufgerichtet, manche gebrochen, manche neu platziert. Gerade darin liegt ihre Bedeutung.

Quellen und weiterführende Links

  1. Bautizan como Minanbé, „no hay camino“, a ciudad maya virgen al norte de la Biosfera de Calakmul
    Offizielle INAH-Meldung zur Entdeckung und Benennung von Minanbé.
  2. BAUTIZAN COMO MINANBÉ, „NO HAY CAMINO“, A CIUDAD MAYA VIRGEN AL NORTE DE LA BIOSFERA DE CALAKMUL
    PDF-Version des offiziellen INAH-Boletíns 259.
  3. Minanbé, la ciudad maya que la selva de Campeche mantuvo intacta durante siglos
    Bericht von El País México mit Hintergrund zur Lage, Entdeckung und Erhaltung der Stätte.
  4. Deep in the Mexican Jungle, Archaeologists Discovered a Lost Maya City That May Yield Clues About the Civilization Just Before It Collapsed
    Englischsprachiger Überblick des Smithsonian Magazine zur Bedeutung von Minanbé für die Spätphase der klassischen Maya-Zeit.
  5. Undisturbed ancient Maya city discovered in Mexican jungle
    Artikel von The Art Newspaper mit Einordnung der Entdeckung in den archäologischen Forschungskontext von Campeche.
  6. Ancient Maya city found intact in remote Calakmul Biosphere Reserve
    Zusammenfassung von HeritageDaily zur intakten Erhaltung der Stätte, den Monumenten und der Río-Bec-Architektur.
  7. Archaeological landscape, settlement dynamics, and sociopolitical organization in the Chactún area of the central Maya Lowlands
    Wissenschaftlicher Hintergrundartikel zur Chactún-Region und zur Siedlungslandschaft der zentralen Maya-Tiefländer.
  8. Descubierta una ciudad maya intacta y con un templo de 13 metros tras más de mil años abandonada en medio de la selva de México
    Spanischsprachiger Pressebericht von La Vanguardia zur Entdeckung, mit Schwerpunkt auf dem gut erhaltenen Tempel und der isolierten Lage im Dschungel.
  9. Hallazgo de un nuevo asentamiento arqueológico maya: Minanbé, en Campeche
    Offizielles INAH-Video zur Entdeckung von Minanbé mit Aufnahmen der Stätte und Aussagen von Ivan Šprajc sowie weiteren beteiligten Archäologen.

Schoen Christian

Christian Schoen ist Diplom-Biologe, IT-Manager und Forschungsreisender. Auf zahlreichen längeren Reisen (2005-2024) verbrachte er insgesamt 26 Monate an Maya-Stätten in Mexiko, Guatemala, Belize und Honduras. Seine Eindrücke teilt er auf AmazingTemples.com sowie im Reiseführer „Die Ruinenstädte der Maya“.